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Nominierung 07: Reinhard Kleist – „Berliner Mythen“

Berlin-Comics sind eine so neue Idee nicht, wir kennen sie von Isabel Kreitz und Jason Lutes und vielen anderen. Die Stadt hat eine Mythologie, die sie nicht nur für deutsche Comiczeichner anziehend macht.

„Berliner Mythen“ mag also w06_Kleistie ein Aufguß wirken. Zumal das Cover wneig neues verspricht: da sehen wir David Bowie und Marlene Dietrich, zwei prägende, aber eben auch sehr oft künstlerisch verarbeitete Gestalten des 20. Jahrhrhunderts.

Im Innenteil wird es zum Glück besser. Kleist, in den letzten Jahren vor allem mit langen Comics in Erscheinung getreten, erforscht die Freiheit der kurzen Form, die hier von einer bis sechs Seiten variiert, und erzählt größtenteils eher randständige Geschichten der Berliner Vergangenheits-Saga.
Das sind Mauer-Geschichten, Rosinenbomber-Geschichten, Kalter-Kriegs-Geschichten, Rückgriffe auf die napoleonische und wilheliminische Ära, auf die frühen Tage des motorisierten Fliegens (Berlin spielt immerhin die zentrale Rolle in der Entwicklung der motorisierten Luftfahrt). Auch die Recherche ist größtenteils geglückt, nur mit ostdeutscher Musik kennt sich Kleist sichtlich nicht aus und greift daneben, wenn Mitte der Siebzigerjahre ein Song der Achtzigerjahre-Band Silly läuft. Geschenkt. Kann man in Nachauflagen ja ändern.

Manche Geschichten sind historisch etwas bedeutsamer, wie die von der CIA-Abhörorganisation an der Grenze. Die meisten sind klein, randständig. Manche zurecht, Alltagsschicksale. Andere, wie die des Boxers Johann Trollmann, der im KZ umkam, sind von der Geschichte kleingehalten worden, aus Gründen, über die man spekulieren kann.

Sich formal wie inhaltlich auf das kleine zu beschränken, zeigt größtenteils einen entspannteren Kleist. Hier haben wir einen neuen Kleist, neben dem dokumentarischen Kleist der Graphic Novels und dem vom Horror beeinflußten frühen Kleist einen witzigen, gelegentlich zu Slapstick und Albernheiten neigenden Kleist.

Und neben vielem anderen macht „Berliner Mythen“ klar, wie wichtig die kurze Form für den Comic ist. Es sei betont: ab und an auch mal kürzere Comics zu machen, kann nicht nur den Zeichner entspannen, sondern auch den Leser.

Verlag: Carlsen, 96 Seiten, 14,99€
https://www.carlsen.de/softcover/berliner-mythen

http://www.reinhard-kleist.de/