Abstimmung zum Goldenen Gartenzwerg geöffnet!

Ab sofort könnt ihr für euren Lieblingscomic unter den neun Nominierten abstimmen.

Nominiert sind:
01: Ulf Salzmann – „Flausen und eine Nacht“
02: Konrad Lorenz & Isabel Kreitz – „Rohrkrepierer“
03: Sandra Brandstätter – „Paula – Liebesbrief des Schreckens“
04: Tobi Dahmen –“Fahrradmod“
05: Inga Steinmetz – „Schneeballens Fall“
06: Haggi – „Der Hartmut erobert Amehricka“
07: Reinhard Kleist – „Berliner Mythen“
08: Mawil – „The Singles Collection“
09: Johannes Kretzschmar – „Beetlebum“

Zum Voting gehts hier.

Nominierung 2016 (09): Johannes Kretzschmar – „Beetlebum“

Seit 2005 publiziert Johannes Kretzschmar seine Comics als Beetlebum, und seitdem hat der Blog eine erstaunliche Karriere hingelegt: als vermutlich die Anlaufadresse schlechthin für comiclesende Nichtcomicleser. Also für Menschen, die schon Comics lesen (sonst würden sie den Blog nicht besuchen), sich aber selbst nicht in das breite Spektrum der Comicleser einordnen.

Wie hat Kretzschmar das geschafft? Natürlich, eine Verlinkung bei Stefan Niggemeier hilft. Zuallererst aber ist da die liebenswürdige Abseitigkeit des Themas seines Blogs: der Alltag eines Informatikers.

Kretzschmar betrachtet das ganze Leben aus den Augen eines Menschen, der in Tabellenkalkulation und der Übersetzungs ins Abstrakte denkt. Seine Strips brechen Alltäglichkeiten, vom Hamsterhaben bis zum Friseurbesuch, auf Formeln, Muster, Schemata runter – bzw. brechen diese sein leben auf eine begreifbare Menge hinab.
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Das ist Absurdität par excellence. Vor allem aber, trotz seines zunächst einmal abschreckend klingenden Ansatzes, ungeheuer nachvollziehbar, mit Selbstironie und doch logischer Akuratesse erzählt. Womöglich ist an Kretzschmar ein Pädagoge verloren gegangen, der die Grundlagen strukturierten Denkens besser erörten kann als die meisten, die das beruflich tun.

Homepage: http://blog.beetlebum.de/

Nominierung 2016 (08): Mawil – „The Singles Collection“

Singles_Collection_Cover.inddMawil ist ein Meister der kurzen Form.
Ehe wir uns falsch verstehen: auch seine langen Comics sind sehr gut. Oft freilich haftet ihnen etwas Konstruiertes an. Sie wirken zu geplant, was sich nicht zuletzt mit dem immer etwas unaufgeräumten Strich des Berliner Zeichners beißt.

In meinen Augen ist Mawil da am besten, wo er notfalls auch etwas ungeplant durcherzählen kann. Da, wo nicht jede Pointe sitzt. Da, wo die eine oder andere Idee versandet. Scheitern als Chance: da wo die Freiheit am Größten ist.

In diesem Sinne sind Mawils seit 2006 im „Tagesspiegel“ erscheinende Strips gelebte Unorganisiertheit. Sie folgen keinem Muster, haben kein übergeordnetes Thema, teilen sich allerhöchstens den Kanon der Hauptfiguren mit Mawils übrigen Comics: ein Mann, ein Hase, ein Fahrrad.

Aber die Vielfalt der Formen! Das immer neue Ausreizen der Möglichkeiten, die das vorgegebene Format der halben Tageszeitungseite bietet!

Mawil ist mal ungebremst autobiografisch, manchmal auch narzisstisch, mal dem poetischen und mal dem schieren Nonsens verpflichtet, und passt wie kein anderer die grafische Gestaltung dem Thema des jeweiligen Strips an: sauber ausgearbeitete Bleistiftzeichnungen treffen auf Buntstiftgeschmier, ordentlich aufgerissene Seiten auf scheinbar chaotische Wimmelstrips, kindliche Naivität auf erwachsene Abgebrüht heit.

Und das alles erzählt im für Mawil typischen lakonischen Tonfall, der die humoristische Fallhöhe erzeugt.

Ein atemberaubend schöner Band, der in seiner Vielfalt gleich ein Dutzend Graphic Novels ersetzt.

Verlag: Reprodukt, 196 Seiten, 29,00€
http://www.reprodukt.com/produkt/comics/the-singles-collection/

Bild_Nominierung_08_mawilHomepage: http://www.mawil.net/
https://www.facebook.com/mawil.net/

Nominierung 07: Reinhard Kleist – „Berliner Mythen“

Berlin-Comics sind eine so neue Idee nicht, wir kennen sie von Isabel Kreitz und Jason Lutes und vielen anderen. Die Stadt hat eine Mythologie, die sie nicht nur für deutsche Comiczeichner anziehend macht.

„Berliner Mythen“ mag also w06_Kleistie ein Aufguß wirken. Zumal das Cover wneig neues verspricht: da sehen wir David Bowie und Marlene Dietrich, zwei prägende, aber eben auch sehr oft künstlerisch verarbeitete Gestalten des 20. Jahrhrhunderts.

Im Innenteil wird es zum Glück besser. Kleist, in den letzten Jahren vor allem mit langen Comics in Erscheinung getreten, erforscht die Freiheit der kurzen Form, die hier von einer bis sechs Seiten variiert, und erzählt größtenteils eher randständige Geschichten der Berliner Vergangenheits-Saga.
Das sind Mauer-Geschichten, Rosinenbomber-Geschichten, Kalter-Kriegs-Geschichten, Rückgriffe auf die napoleonische und wilheliminische Ära, auf die frühen Tage des motorisierten Fliegens (Berlin spielt immerhin die zentrale Rolle in der Entwicklung der motorisierten Luftfahrt). Auch die Recherche ist größtenteils geglückt, nur mit ostdeutscher Musik kennt sich Kleist sichtlich nicht aus und greift daneben, wenn Mitte der Siebzigerjahre ein Song der Achtzigerjahre-Band Silly läuft. Geschenkt. Kann man in Nachauflagen ja ändern.

Manche Geschichten sind historisch etwas bedeutsamer, wie die von der CIA-Abhörorganisation an der Grenze. Die meisten sind klein, randständig. Manche zurecht, Alltagsschicksale. Andere, wie die des Boxers Johann Trollmann, der im KZ umkam, sind von der Geschichte kleingehalten worden, aus Gründen, über die man spekulieren kann.

Sich formal wie inhaltlich auf das kleine zu beschränken, zeigt größtenteils einen entspannteren Kleist. Hier haben wir einen neuen Kleist, neben dem dokumentarischen Kleist der Graphic Novels und dem vom Horror beeinflußten frühen Kleist einen witzigen, gelegentlich zu Slapstick und Albernheiten neigenden Kleist.

Und neben vielem anderen macht „Berliner Mythen“ klar, wie wichtig die kurze Form für den Comic ist. Es sei betont: ab und an auch mal kürzere Comics zu machen, kann nicht nur den Zeichner entspannen, sondern auch den Leser.

Verlag: Carlsen, 96 Seiten, 14,99€
https://www.carlsen.de/softcover/berliner-mythen

http://www.reinhard-kleist.de/

Nominierung 06: Haggi – „Der Hartmut erobert Amehricka“

Seit mehr als zwanzig Jahren erscheinen die ganzseitigen Strips um den kleinen Hartmut, und auf den ersten Blick scheint gleich klar, warum der Zeichner sie gerne macht: es sind Strips ganz aus Strichmännchen in einer Strichmännchenwelt. Sie lassen sich ziemlich schnell zeichnen.

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Aber mit ihrer radikalen grafischen Vereinfachung haben sie nicht nur eine Vielzahl Online-Strips und Memes vorweggenommen. Der Hartmut ist nicht bloß eine Art Strichmännchen-Califax, der komisch redet bzw. schreibt (in einem Duktus, der alle orthografischen Regeln ignoriert, aber mit System!) und sich schnell produzieren läßt, sondern eine der wandlungsfähigsten deutschen Comicfiguren.
Davon zeugen nicht nur die mehreren hundert Strips – die den Hartmut übrigens zu einer der
umfangreichsten deutschen Comicstrip-Serien machen – sondern auch zwei Taschenbücher mit
langen Abenteuern vom Hartmut, zwei Herr-der-Ringe-Parodien, mindestens ein Bastelbogen und das umfangreiche Haggimon-Suchspiel.
Zeitweilig war der Hartmut das Maskottchen der Comicabteilung des Carlsen-Verlags. Inzwischen scheint er wieder bei seinen Anfängen und ganz bei sich angekommen zu sein: bei Gringo Comics, die seit einigen Jahren das Oeuvre der Hartmut-Strips chronologisch nachdrucken.
Schon die schiere Menge muß beeindrucken. Das würde freilich nicht genügen, die Comics gut zu finden.
Die Hefte und Büchlein vom Hartmut sind Musterbeispiele von Nonsens und absurdem Humor, der durch seine naive grafische Anmutung vordergründig auf der kindlichen Ebene funktioniert (auch Kinder dürften viel Spaß an den manchmal grenzwertigen Kalauern und visuellen Gags haben), aber natürlich zunächst einmal den Humor seines Zeichners und seiner ungefähr gleichaltrigen Zielgruppe bedienen.
In vielen Momenten sind die Comics vom Hartmut sanfte Satire, getragen von elegantem Nonsens, ähnlich den Comics von Goscinny oder den besseren Seiten von MAD. In vielen anderen Momenten sind sie einfach nur Nonsens. Ehe wir uns falsch verstehen: das ist nicht abwertend gemeint. Es gibt in Deutschland zu wenige Nonsens-Comics, und selbst wenn es mehr davon gäbe, wäre der Hartmut einer der besten davon.
Verlag: Gringo Comics, 58 Seiten, 7,90€

Nominierung 05: Inga Steinmetz – „Schneeballens Fall“

Da steckt mehr dahinter.

„Schneeballens Fall“ wirkt auf den ersten Blick etwaBild_Nominierung_05_Inga-Steinmetzs arg zuckrig, nicht nur wegen der Bonbons auf dem Cover, über alle Maßen süß. Das Genre scheint vertraut, ein Reisetagebuch in Comicform – Zeichner wie Craig Thompson oder Sebastian Lörscher („Making Friend in Bangalore“) haben hier den Maßstab sehr hoch gelegt. Höher, als „Schneeballens Fall“ auf den ersten Blick kommt.

Der Band schildert meist in kurzen Strips einen zweimonatigen Aufenthalt der Zeichnerin in Korea – Südkorea, wie sie immer wieder betont. Die Episoden sind oft banal, sie handeln vom Einkaufen, vergleichen die Essgewohnheiten und die modischen Unterschiede zwischen Korea und Deutschland. Steinmetz‘ Stil ist gefällig, kugelig, weich. Ecken und Kanten gibt es nicht – in der Erzählung nicht und nicht im grafischen Gepräge.

Was so banal erscheint, hat einen ernsten Hintergrund. Auf den ersten Seiten des Buches schildert die Zeichnerin ihren Seelenzustand vor der Reise. Es ist der einer ernsthaften Depression. Er handelt von Einsamkeit, Ziellosigkeit und Angst. Der Trip nach Korea ist damit nicht nur Flucht vor der Erkrankung. Er ist, mit all seiner Quietschbuntigkeit, vor allem aber mit der erzwungen Sozialisierung mit dem vollkommen Fremden (die Reise wird vom südkoreanischen Staat bezahlt) die Geschichte einer Therapie.

Der titelgebende Fall eBild_Nominierung_05_Inga-Steinmetz_Portraitrhält hier eine doppelte Bedeutung, vom depressiven Absturz hin zum Sprung zurück ins Leben. Der Einstieg ins Banale (wie etwa der Erkenntnis, dass man in öffentlichen südkoreanischen Toiletten nicht pupsen darf) ist eben auch ein Wiedereinstieg ins Leben, das oft genug banal ist.

„Schneeballens Fall“ ist ein Buch, das ein ernstes, auch bitteres Thema in eine zuckersüße Hülle steckt. Schon Mary Poppins wußte, dass das hilft.

 

Verlag: Carlsen, 128 Seiten, 12,00€
https://www.carlsen.de/softcover/schneeballens-fall/63124

Homepage: http://www.the-wired.de/

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Nominierung 2016 (4): Tobi Dahmen – „Fahrradmod“

Man hat ja irgendwann gedacht, dass kommt gar nicht mehr.

Online konnte man seine Entstehung mitverfolgen, in einem quälenden, qualvoll langsamen, sicht acht Jahre streckenden Prozeß. 2007 war zum ersten Mal davon zu hören, Tobi Dahmen, hochtalentierter Comiczeichner und Fanzine-Herausgaber aus NRW arbeitet an einem Comic zur Mod- und Skinkultur vor dem Hintergrund seiner eigenen Autobiografie. Mal waren regelmäßig neue Seiten zu sehen, dann lange nicht.

Man hätte ihn schubsen und drängeln wollen. Denn Dahmen hat sich mit seinen Kurzgeschichten (u.a. „Sperrbezirk“, Zwerchfell) als einer der interessantesten deutschen Comicerzähler erwiesen. Aber all das Drängeln und Schubsen hätte nichts genutzt, denn dann hätten wir ohne Frage nicht das, was vor uns liegt: ein Ausnahmecomic, nicht nur im Genre der autobiografischen Comics, sondern auch unter den Comics aus heimischer Produktion an sich.

Autobiografische Comics haben den Hang zur Ernsthaftigkeit und zum Drama, es hat sich ein wenig die Idee festgesetzt, dass nur persönliche Katastrophen autobiotauglich sind. „Fahrradmod“ ist all das nicht oder nur am Rande. Die Geschichte, wie der Autor und Ich-Erzähler im Kaff Wesel am Niederrhein (30.000 Einwohner) aufwuchs, ist vor allem offen, locker, amüsant und vor allem ungeheuer lebendig erzählt.

Es ist eine Liebeserklärung Bild_Nominierung_04_Tobi-Dahmenan die eigene Subkultur, die der Mods, und Dahmen macht die, indem er der Musik breiten Platz einräumt. (Der Soundtrack zum Buch kann hier angehört werden.
https://www.mixcloud.com/Fahrradmod/fahrradmod-the-soundtrack-a-time-travel-through-ska-soul-jive-and-mod-sounds-and-psychobilly/) Unter den Ereignissen, die ein Aufwachsen so individuell und gleichzeitig allgemein zugänglich machen – die ersten Partys, der erste Sex, die vielen vielen Abende mit Kumpels daheim und anderswo – liegt immer die Musik. Und Dahmen gelingt es, sie tatsächlich zu zeichnen, indem er ihr Platz einräumt – für Lyrics, für Tänzer, für beeindruckende Doppelseiten aus Clubs und von Konzerten.

Damit gehört Dahmen zu den wenigen, die das Format der Graphic Novel tatsächlich begriffen haben. Das eben nicht heisst, dass man jetzt auch mal mit mehr Seiten arbeiten kann. Sondern dass man wissen muss, sie zu nutzen. Dass hier nichts gedrängt wird, dass jede Seite eine ungeheure Offenheit und Leichtigkeit ausstrahlt, trägt entscheidend zur Lesefreude am Buch bei. Und wie anders will man über Jugendkulturen reden, wenn nicht im Geist der Befreiung?

Wenn sich jemals das Warten auf ein Buch gelohnt hat, dann hier.

Verlag: Carlsen, 480 Seiten, 29,99
https://www.carlsen.de/hardcover/fahrradmod/66665

Homepage: http://www.fahrradmod.de/

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Nominierung 2016 (03): Sandra Brandstätter – „Paula – Liebesbrief des Schreckens“

Das zu Beginn etwBild_Nominierung_03_Paulaas skeptisch betrachtete Kindercomic-Label von Reprodukt hat sich inzwischen zur kreativen Keimzelle des Verlags gemausert.
Hier erscheinen nicht nur die besten Lizenzcomics im Verlagsprogramm (Luke Pearsons fantastische „Hilda“-Comics etwa), sondern auch die schönsten selbstgemachten Sachen.  „Q-R-T“ von Ferdinand Lutz. „Kiste“ von Wirbeleit und Heidschötter. „Paula“ von Sandra Brandstätter.

Glaubt man der Biografie im Buch, verdient sie ihr Geld mit Animationen für Kindersendungen wie „Die Sendung mit der Maus“ und „Siebenstein“. Das sind die schlechtesten Adressen nicht, vor allem erstere, die seit Jahrzehnten scheinbar mühelos den Spagat schafft, Kinder und Erwachsene gleichermaßen anzusprechen.

Ein Anspruch, den auch „Paula“ in diesem (dem ersten?) Band erfüllt. Die Geschichte von Paula und ihrem heimlichen Liebesbrief und wie sie im Sommerurlaub in zusehends komischeren Eskapaden zu vermeiden versucht, dass ihre Autorenschaft des Zettelchens öffentlich wird, ist konsequent auf kindertauglichem Niveau erzählt. Die Schilderung des Campingplatzes, auf dem Paula mit ihren Eltern ihren Sommerurlaub verbringt, verlässt nie die Augenhöhe der Protagonistin.

Gleichzeitig übersteigt der Comic den reinen Ansatz kindlicher Naivität, den man bei einer solchen Geschichte vermuten könnte. Brandstätters Darstellung des Urlauberbiotops ist von liebenswerter Detailfreude und durchzogen von einer leichten Nostalgie, die sich wohl eher dem erwachsenen Leser eröffnet. Ihre Gestaltung der Figuren ist liebevoll karikierend, hier und da überziehend, aber nie soweit, dass die Geschichte die Haftung in der Realität verliert.

Damit ist „Paula“ das, was die besten Kindercomics sind: nicht nur für Kinder, die Leser aller Altersschichten ernstnehmend – ein Respekt, den Kinder wie Erwachsene zu schätzen
wissen.

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Verlag: Reprodukt, 120 Seiten, 18,00
http://www.reprodukt.com/

Tumblr: http://brandstaetter.tumblr.com

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Nominierung 2016 (02): Konrad Lorenz & Isabel Kreitz – „Rohrkrepierer“

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Die eigentlichen Helden in vielen Comics von
Isabel Kreitz sind die Schauplätze des Geschehens. Das gilt für die Hamburger Kanalisation in ihrer „Ralf“-Serie, für Tokyo in „Die Sache mit Sorge“ und für Hannover in „Haarmann“. Immer gelingt es ihr, das typische Flair der Städte und die dargestellte Epoche (zumeist die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) herauszuarbeiten. In einem Maß, das die Handlung gelegentlich dahinter verschwinden lässt.

Nicht weniger lässt sich für „Rohrkrepierer“ sagen.
Der auf einem autobiographischen Roman beruhende Comic ist zudem eine Rückkehr ins persönlich Vertraute: Hamburg, Isabel Kreitz‘ Heimatstadt.

Auch wenn sie die geschilderte Epoche (ungefähr das erste Jahrzehnt nach dem Krieg) sicher nicht selbst erlebt hat. Man kann der Handlung eine gewisse Banalität nicht absprechen, auch eine gewisse Ereignislosigkeit nicht: Handlungshöhepunkt ist, wie die Hauptfigur einmal Louis Armstrong in Hamburg nicht begegnete. Davor wird gequatscht, Unsinn gemacht, geküsst, geprügelt, abgehangen und noch mehr gequatscht.
Nichts außergewöhnliches.

Allerdings dürfte genau darin der Zweck der Erzählung liegen. Sie ist bis zur äußersten Konsequenz alltäglich und schildert den Schluß der Kindheit und den Beginn der Pubertät unter den spezifischen Bedingungen der Nachkriegsjahre, mit dem neurotisierten kriegsheimkehrenden Vater, den engen moralischen Schranken und allgemein einer Welt, die sich zwischen verleugneter Vergangenheit und noch nicht erahnbarer Zukunft erst einmal selbst finden muss.

„Rohrkrepierer“ ist ein Hamburger Panoptikum aus Seeleuten, Nutten, Säufern, Schlägern, Prügelknaben und Kopftuchomis. Kreitz rekonstruiert eine Welt aus zerbombten Häusern und Neubauten, kurzer Hose, gegelten Haaren. Die Detailfreude, nein, sagen wir: die Detaillust ist atemberaubend. Ein Buch, das auf jeder Seite Atmosphäre atmet.

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Konrad Lorenz und Isabel Kreitz

Verlag: Carlsen, 304 Seiten, 26,99

https://www.carlsen.de/hardcover/rohrkrepierer

Homepage: http://isakreitz.de/

 

Nominierung 2016 (01): Ulf Salzmann – „Flausen und eine Nacht“

Bild_Nominierung_01_UlfZehn Jahre gibt es Ulf Salzmanns Comicblog „Flausen“ inzwischen. Flausen, das sind kleine Spinnereien, nebensächliche Gedanken.

Wie passend. „Flausen“ zählt weder zu den langlebigsten (das wäre „Lisa 9“) noch zu den populärsten (hier wahlweise die Blogs von Johannes Beetlebum „Kretzschmar“ oder Flix einsetzen) Comicblogs. Redet man von deutschen Online-Comics, fällt er dadurch immer etwas hinten raus, nicht zuletzt auch, weil er sich nie aggressiv vermarktet hat.

Wie sollte er auch? Es liegt nicht in der Natur seiner Comics. Betrachtet man den Blog, fällt auf, dass die im Lauf der Jahre eine starke Veränderung erfahren haben, vom etwas krakeligen (und gelegentlich durch sein Lettering fast unlesbaren) eher klassischen Gagcomic zu einer stillen, poetischen Betrachtung über die Natur und das Leben an sich.

Seine scheinbare Schwäche, die immer etwas selbstimmanente Unscheinbarkeit, wird zur größten Stärke bei der Lektüre des Strips. In seinen besten Momenten will „Flausen“ dem Leser keine Witze und keine Weisheit vermitteln, sondern einfach nur Sein. Die vier Panels, in denen er seinen Alltag erzählt, sind im besten Sinne Ausdruck von Salzmann selbst, der sich keiner Zielgruppe außer sich selbst anbiedert.

Salzmann schildert, mit der schönsten, in sich ruhenden Selbstverständlichkeit Spaziergänge durch das Weimarer Land (wo er beheimatet ist), Stadt- und Landschaftsimpressionen, verknüpft mit seinen individuellen Ängsten und Hoffnungen. Selbst da, wo er in konventionelle Erzählmuster verfällt, wenn er manchmal längere Erzählungen über mehrere Strips entwickelt, findet früher oder später ein Rücksturz zu dem statt, was den Strip titelgebend ausmacht: Flausen. Von Ulf Salzmann. Nicht mehr, auf keinen Fall aber weniger.

Cover "Flausen und eine Nacht"

Cover „Flausen und eine Nacht“

Verlag: Schwarzer Turm; Auflage: 1, 120 Seiten, 12,80€
http://www.freibeutershop.de/product_info.php?products_id=1666

Leseprobe: http://www.schwarzerturm.de/lp/Flausen/Flausen.html

http://www.flausen.net/
https://www.facebook.com/pages/Flausen/353991351720

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